Warum und wodurch ging die "urärztliche" Kunst des Heilens verloren? Und wie gewinnen wir sie zurück? Diese Fragen beantwortete der weltberühmte Kardiologe Prof. Bernard Lown am 6. Mai 2004 in Frankfurt im Großen Saal der Kassenärztlichen Vereinigung, die gemeinsam mit der IPPNW und der Akademie für Integrierte Medizin zu der Veranstaltung eingeladen hatte. Der Schattauer Verlag, Stuttgart, präsentierte die 2. Auflage von Lowns gleichnamigem Bestseller und Verleger Dr. med. Wulf Bertram überreichte dem Autor ein druckfrisches Exemplar. Im Anschluss an seinen eindrucksvollen Vortrag beantwortete Lown Fragen aus dem Publikum und kam den zahlreichen Signierwünschen nach.
Lown, der sich neben seiner ärztlichen Tätigkeit seit vielen Jahren aktiv gegen die weltweite atomare Bedrohung einsetzt und dafür 1985 den Friedensnobelpreis erhielt, schilderte anschaulich, in welcher tiefen Krise sich das amerikanische Gesundheitssystem befindet. Diese Krise hat mittlerweile auch auf andere Länder übergegriffen, die sich häufig an den USA orientieren und die gleichen Fehler machen. Deutschland bildet hier bedauerlicherweise keine Ausnahme. Anhand zahlreicher Beispiele schilderte Lown den Vertrauensverlust zwischen Arzt und Patient. Durch die neuen Vergütungssysteme – Stichwort DRG (Diagnosis Related Groups) – hat der Arzt zudem immer weniger Zeit für seine Patienten. Die, meist sehr kurze, Aufenthaltsdauer im Krankenhaus ist häufig im vornherein schon festgelegt, die Patienten werden "durchgeschleust" und der Arzt sieht dadurch den Einzelnen kaum noch. Als Ersatz gibt es neue Technologien, die für Lown Spielzeuge für Ärzte sind. Immer mehr kostspielige Untersuchungen und Eingriffe werden durchgeführt, häufig nur aus Absicherungsgründen. Ihre Wirksamkeit ist oft nicht einmal bewiesen. Als Beispiele nannte Lown hier die immens gestiegene Zahl von Herzkatheter-Eingriffen oder Knieoperationen.
Überaus interessant waren auch verschiedene Zahlen, die Lown nannte: So geben die USA jährlich 1,6 Trillionen USD für das Gesundheitswesen aus. Gleichzeitig sterben im gleichen Zeitraum allein 18000 US-Bürger, nur weil sie keine Krankenversicherung besitzen. (Zum Vergleich: Für das Militär geben die USA 54 Millionen USD pro Stunde aus.)
Diese immensen Gesundheitskosten lassen sich durch die enorm gestiegene Zahl an Interventionen erklären, die meist unnötig sind, würde der Arzt sich die Zeit für einen genaue Anamnese nehmen. Ziel muss deshalb "Soviel wie möglich für den Patienten, so wenig wie möglich am Patienten", sein, so Lown wörtlich.
Das große Problem ist, dass Amerika inzwischen zum Standard für viele andere Nationen, u.a. Deutschland, geworden ist. Man orientiert sich an der dort praktizierten Medizin, was bedeutet: unnötige Interventionen und Untersuchungen!
Aber auch Optimismus ist angesagt: In den USA gibt es mittlerweile einen starken Trend zurück zur "wahren" Medizin, zur ursprünglichen Kunst des Heilens. Dies drückt sich u.a. in einer geänderten Ausbildungs- und Prüfungsordnung für Medizinstudenten aus. So müssen ab 2005 Prüfungen in sechs neuen Bereichen abgelegt werden, wie z.B. "Verhalten gegenüber und Interaktion mit Patienten" oder "Soziale und kulturelle Verantwortung". Außerdem wird langsam auch die Unsinnigkeit vieler Interventionen erkannt, aktuell z.B. der vielen Bypass-Operationen, ein Thema, das jüngst sogar die New York Times in einem Leitartikel aufgriff.
Ist die Kunst des Heilens also wirklich verloren? "Die Zukunft ist hoffnungsvoll, wir können sie verändern!", diesen optimistischen Ausblick gab Lown seinen Zuhörern noch mit auf den Weg.
Ellen Sudholt