Thure von
Uexküll - Akademie
für Integrierte Medizin

Was ist die AIM?

 

1. Die Geschichte der Akademie für integrierte Medizin.


Die "Akademie für integrierte Medizin" (AIM) wurde im Sommer 1992 gegründet und im Frühjahr 1993 als gemeinnütziger Verein registriert. Sie entstand aus dem Anliegen, eine Medizin zu entwickeln, die den Menschen in ihren vielfältigen Bezügen gerecht wird, und den in unserem Gesundheitssystem praktizierten Dualismus einer "Medizin für Körper ohne Seelen" auf der einen Seite und einer "Medizin für Seelen ohne Körper" auf der anderen überwindet. Da es das Ziel der AIM ist, die verlorengegangene oder unterrepräsentierte bio-psycho-soziale Dimension in die Spezialgebiete der Medizin zurückzubringen, wurde bei der Namensgebung bewußt auf das Attribut "psychosomatisch" verzichtet. Integrierte Medizin ist immer und ausdrücklich auch psychosomatisch.

Inzwischen bestehen in verschiedenen Städten Regionalgruppen der AIM, die versuchen, als "Keimzellen" Integrierter Medizin zu wirken, weitere Gruppen sind im Entstehen. Sie bearbeiten Fallgeschichten unter dem Aspekt Integrierter Medizin (reflektierte Kasuistik) und bemühen sich, eine gemeinsame Sprache für das Verständnis der dabei auftretenden Probleme zu entwickeln.

Aus der Gruppe der Gründer der AIM und aus den Regionalgruppen ist eine Modellwerkstatt entstanden, die sich einmal jährlich trifft, sich organisatorisch und inhaltlich austauscht und an der Theoriebildung der Integrierten Medizin arbeitet.

Tagungen der AIM haben in den vergangenen Jahren in Berlin, Hamburg, Nürnberg, Heidelberg, Freiburg, Frankfurt und Glotterbad stattgefunden.

2. Was ist "Integrierte Medizin?
Die Medizin geht heute von einem Menschenbild aus, das den Menschen als "autark" definiert, und das seine Umgebung - zu der für den Arzt auch seine Patienten gehören - als "objektive, für alle gleiche Realität" versteht, die technisch manipuliert werden kann und muß. Für dieses Menschenbild sind Krankheit und Behinderung technische Probleme, die vom Arzt als außenstehendem Experten behandelt werden.

Im Unterschied dazu versteht integrierte Medizin den Menschen nach einem - in einem umfassenden Sinn verstandenen "biologischen Konzept" - als autonomes Subjekt in einem System aus Organismus und Umwelt. Sie weiß, daß Autonomie, also die Fähigkeit, über seine Leistungen (eigengesetzlich) verfügen zu können, einer "passenden Umwelt" bedarf, da seine körperlichen und psychosozialen Leistungen "ergänzungsbedürftig" sind: Atmung als Leistung seiner Lungen bedarf der Gegenleistung einer passenden Außenluft. Stehen und Gehen als Leistungen seiner Füße bedürfen der passenden Gegenleistung eines haltgebenden Bodens. Sprechen braucht - Zuhören, Geben - Nehmen und Fragen - Antworten, um autonom und d.h. als Subjekt handeln zu können.

"Umwelt" als Gesamtheit der passenden Gegenleistungen entspricht daher einem lebenswichtigen "Organ", das ständig aus der neutralen Umgebung aufgebaut werden muß. Diese Verhältnisse gelten für alle lebenden Systeme. Sie gelten schon auf der Ebene der Zellen und Organe im Körper, und sie gelten ebenso auf der Ebene sozialer Einheiten. Aufbau von Umwelt vollzieht sich als Herstellen von Beziehungen, die das lebende System durch kybernetische Schleifen mit passenden Umweltbestandteilen verbinden. Beziehungen sind "Einheiten des Überlebens" auf Zeit und keine mechanischen Vorgänge.

Krankheit und Behinderung lassen sich unter diesem Aspekt als Störung der Passungsverhältnisse auf einer oder mehreren Ebenen des Menschen als biopsychosoziales System verstehen und Gesundung als Herstellung neuer Passungen. Krankheit und Behinderung dürfen daher nicht einseitig als gestörte körperliche und/oder psychosoziale Leistungen des Kranken oder als defiziente Gegenleistungen der Umwelt gedeutet werden. Es müssen immer beide Seiten in ihrem Ergänzungsverhältnis in Rechnung gestellt werden.

Der Arzt ist für den Kranken Teil seiner Umwelt bzw. individuellen Wirklichkeit. Um den Kranken zu verstehen und Interventionen planen und durchführen zu können, muß der Arzt mit dem Kranken eine gemeinsame Wirklichkeit aufbauen.

Ziel jeder Behandlung ist Erhaltung oder Wiederherstellung der Autonomie des Kranken. Bei bleibender oder fortschreitender Behinderung, die weder geheilt noch gebessert werden können, verfolgt die Behandlung dieses Ziel durch palliative Bemühungen.

Integrierte Medizin ist also das Bemühen, dieses Verständnis durch Entwicklung und Erprobung eines Modells zu erreichen, das den Menschen als biopsychosoziales System begreift, das auf "Passung" zwischen seinen Subsystemen und ihren Umwelten, sowie auf Passung zwischen seinen Systemebenen beruht.

3. Wie arbeitet integrierte Medizin?

3.1 Praxis als Forschung

Piagets Konzept des "kognitiven Unbewußten" bildet die Grundlage für unsere Deutung der Tatsache, daß wir von einem Patienten immer mehr wissen, als wir bewußt formulieren können. Sowohl der integriert behandelnde als auch der nach dem mechanistischen Paradigma arbeitende Arzt gehen bei ihrem Umgang mit Kranken (unbewußt) von anderen als nur ihren bewußt reflektierten Modellen aus. D.h. wir verwenden bei unserer ärztlichen Tätigkeit unterschiedliche (und z.T. unbewußte) Verstehensprinzipien. Es gilt daher, auch die nicht bewußten Verstehensprinzipien bewußt und für die Theorienbildung einer integrierten Medizin fruchtbar zu machen.

Diese Überlegungen begründen eine besondere Bescheidenheit. Zum einen: auch wir sind Lernende (das Modell der Einheit aus Organismus und Umwelt ist Ausgangsbasis für ein neues Verständnis von Gesundheit und Krankheit, gibt aber keine konkreten Deutungs- und Verhaltensanweisung für den Umgang mit den Problemen eines individuellen Patienten). Zum anderen: auch der mechanistisch denkende Arzt versteht in der Praxis viel mehr als nur die mechanischen und technischen Probleme seiner Eingriffe (der Chirurg, der einen Knochenbruch behandelt, versteht nicht nur die Mechanik seiner fixierenden Maßnahmen. Er kennt auch die Bedürfnisse von Osteoblasten und Osteoklasten, um einen Bruch zu konsolidieren und die Entstehung einer Pseudarthrose oder eines Mb. Sudeck zu vermeiden).

Die Methode, dieses unbewußte Wissen bewußt zu machen, ist für uns "reflektierte Kasuistik". Darunter verstehen wir das gemeinsame Nachdenken darüber, wie wir unsere Patienten wahrnehmen, warum wir uns so zu ihnen verhalten, und welche Konzepte und Modelle uns dabei leiten.

3.2 Wie sieht das konkret aus?
Es beginnt mit der Frage: "Wie kann ich die Probleme dieses Patienten unter dem As-pekt seiner biopsychosozialen Einheit verstehen"? Die Antwort versucht seine Passungsstruktur als lebendes System darzustellen: ·
  • auf der somatischen Ebene (zwischen Zellen, Geweben, Organen und ihrem "milieu interieur"), ·
  • auf der Ebene des Organismus (zwischen dem Körper und seiner physischen Umgebung), ·
  • auf der Ebene des Individuums (zwischen dem Patienten und seinen psychischen Problemen) - und ·
  • auf der Ebene des Sozialen (zwischen dem Patienten und seiner mitmenschlichen Umgebung, zu der auch die Patient-Arzt-Beziehung unter dem Aspekt der Übertragungs- und Gegenübertragungsprozesse gehört).
Diese Absichtserklärung entwirft eine "Landkarte" für die Prüfung der Frage: Auf welcher Ebene sind Passungen bedroht, und auf welcher Ebene sind Subsysteme durch ihre Kompensationsleistungen im Dienst der Passung des Gesamtsystems überlastet?

Danach stellt sich die Frage nach dem Behandlungsauftrag, der zwischen Patient und Arzt unter dem Aspekt der Möglichkeiten und "der Kosten" für den Patienten und den Arzt ausgehandelt und formuliert werden muß.

Im Einzelnen heißt das:

1. Krankheit wird nicht als Defekt einer physikalisch-chemischen Apparatur verstanden, sondern als Ausdruck einer Passungsstörung auf der biologischen, psychischen oder sozialen Ebene eines Menschen als lebendes System.

2. Symptome werden nicht als Folge von Defekten gedeutet, sondern als Zeichen für Kompensationsversuche in einem lebenden System, das seine Passung trotz einer Störung zu bewahren sucht.

3. Für integrierte Medizin ist also die Orientierung an den Bedürfnissen und Werten des Patienten (auch sich selbst gegenüber) zentral. Der Patient bestimmt damit seine Behandlung von Anfang an und nimmt, soweit es ihm möglich ist, aktiv an seiner Diagnostik, Therapie und "Gesundheitsbildung" (im Sinne seiner Rehabilitation und Prävention) teil.

4. Diese Patientenorientierung verlangt Beziehungsorientierung in zweierlei Hinsicht: einmal muß eine Beziehung zum Patienten, bzw. eine gemeinsame Wirklichkeit mit ihm aufgebaut werden. Zum anderen muß der Patient in dem Netz seiner Beziehungen gesehen, behandelt und angesprochen werden. Dies schließt die Berücksichtigung psychotherapeutischer Aspekte ausdrücklich mit ein (etwa die Wahrnehmung - und gegebenenfalls die Bearbeitung - unbewußter Beziehungsaspekte und Übertragungs- und Gegenübertragungsphänomene).

5. Integrierte Medizin heißt auch, den Patienten im Rahmen der Möglichkeiten unseres Gesundheitssysteme verstehen und behandeln lernen. D.h. Patient und Therapeut müssen von den Möglichkeiten unseres Gesundheitssystems nicht nur wissen, sie müssen ihre Realisierung auch gemeinsam beraten. Dafür ist die Gestaltung der Aufnahme- und Entlassungssituationen von hoher Bedeutung. Hier kann der Kontakt zu neuen "Behandlern" (z.B. einem Stationsteam, dem Hausarzt, oder der Familie) für diese und für den Patienten in einer integrierten Weise erlebbar gemacht werden.

6. In diesem Zusammenhang ist das Behandlungsteam von besonderer Wichtigkeit: Es muß für den Patienten eine pas-sende Umwelt schaffen. In ihm kann sich z.B. der Arzt als Experte für die somatischen Systemebenen (z.B. biochemische Parameter, Blutwerte usw.) verstehen und die Pflegenden als Experten für "Basisaktivitäten" des Patienten. Zwischen allen Beobachtungsebenen muß eine Vermittlung und Integration geleistet (und d.h. auch immer "gegengeleistet") werden. Dazu sind ein gemeinsames Modell (Menschenbild) und eine gemeinsame Sprache unerläßlich. Jede Behandlung ist in diesem Sinne eine gemeinsame Forschungsaufgabe (und ein gemeinsamer Prozeß im Team und mit dem Patienten). Dabei müssen die Interaktionen im Team und zwischen dem Patienten und dem Team "stimmig" bzw. "passend" gemacht werden.

Jede Behandlung steuert und belehrt/integriert sich in diesem Sinne letztlich selbst. Aus diesem Grund ist eine ständige Selbstreflexion, Lernen, gemeinsames Hinterfragen und Sich-Ausbilden unerläßlich. "Forschung" und "Lehre", "Diagnostik" und "Therapie" sind daher aufeinander bezogen.

Zusammenfassung:

--> Integrierte Medizin bedeutet nicht, daß jeder alles weiß und alles kann. Sie ist das Bemühen um Integration der somatischen und psychosozialen Aspekte in die Fachdisziplinen (Innere Medizin, Chirurgie, Gynäkologie, Neurologie, Psychiatrie usw.).

--> Sie besitzt keine Patentlösungen, sondern bedeutet Beteiligung an der großen generationenübergreifenden Aufgabe, eine Medizin zu entwickeln, welche die Beziehungen zwischen dem Menschen und seiner Umwelt in den Mittelpunkt stellt.

--> Sie verfügt über keine Experten als Lehrer, die fertiges Wissen verteilen. Sie bedeutet gemeinsames Forschen, auch "Forschung durch Lehre" im Humboldt'schen Sinne.